Die Kunst des Schreibens

IV. Buchschmuck

Zierinitialen, üppige Ausschmückungen an den Seitenrändern, grafisch hervorgehobene Überschriften sowie andere Zierelemente und -kompositionen in den Manuskripten hatten mehrere grundlegende Funktionen.

Erstens dienten sie als Buchschmuck. Der Begriff Illumination (Ausschmückung der Initialen und Seitenränder) leitet sich von dem lateinischen Verb illuminare ab, das „erhellen, ausschmücken“ bedeutet. Doch die Schönheit an sich war nicht der Zweck des Schriftstücks. Die Ausschmückung sollte vor allem die Wichtigkeit des Manuskripts sowie das Prestige des Herausgebers (und zum Teil auch des Empfängers) betonen.

Daher wurde bei der Ausschmückung von Schriften häufig Gold verwendet, das in Form von dünnen Flocken auf Initialen, Überschriften und Miniaturen aufgetragen wurde und den Text aufhellte.

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Die dekorativen Elemente hatten zudem eine Nutzfunktion inne, da sie die Orientierung im Text erleichterten. Dank den Zierbuchstaben und -überschriften oder sogar ganzen Seiten, die sich vom Rest des Textes unterschieden, konnte der Leser bestimmte Textabschnitte leichter finden (ein Beweis dafür sind manche Überschriften, die so großzügig ausgeschmückt wurden, dass sie kaum noch lesbar sind).

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Die Verteilung der dekorativen Elemente im Manuskript wurde bereits am Anfang der „Buchplanung“ festgelegt.

Der Kopist, der den Inhalt der Urkunde oder des Buches niederschreiben sollte, ließ beim Schreiben Leerräume für später einzutragende Zierelemente stehen.

So war es auch in dem nebenstehenden Beispiel – es zeigt einen Leerraum für eine geplante Initiale, die aus unbekannten Gründen niemals eingetragen wurde. Doch gerade solche Fälle sind ein Beweis dafür, wie die Arbeit an der Komposition des Manuskripts verlief.

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Ein Leerraum für eine Initiale
in einem Buch aus dem 15. Jahrhundert.

Beim Ausschmücken der Manuskripte spielten fachlich ausgebildete Illuminatoren (siehe Der Schreiber) die Hauptrolle, doch auch die Arbeit des Kopisten war nicht ohne Bedeutung.

Der Schriftfluss des Schreibers, seine Sorgfalt und Kalligrafie verliehen dem gesamten Schriftstück Ordnung und Harmonie. Bei Amts- und Gerichtsbüchern, die aufgrund der intensiven Arbeit dieser Einrichtungen sozusagen „massenangefertigt“ wurden, übernahmen die Schreiber selbst die Rolle der Illuminatoren und schmückten die Bücher mithilfe ihrer Federkiele aus.

Die einfachste Form der Ausschmückung war das Hervorheben einzelner Buchstaben, Wörter oder Textabschnitte. Sie konnten z. B. in einer anderen Tintenfarbe niedergeschrieben werden als der Rest des Textes.

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Üblicherweise wurde dazu rote Tinte benutzt, daher auch der Name „Rubrizierung“ (das lateinische Wort rubrica steht für rote Farbe). Auf diese Weise entstanden Rubriken – Textabschnitte, die in roter Tinte aufgeschrieben wurden.

Rubriken fungierten vor allem als Überschriften und halfen dank ihrer abweichenden Farbe, bestimmte Textabschnitte leichter zu finden.

Um die Orientierung im Text zu erleichtern, wurden dem Manuskript auch andere besondere Elemente zugefügt, deren Form oder Größe von dem Rest des Textes abwich.
Es handelte sich dabei um Initialen, Zierüberschriften, ausgeschmückte Seitenränder, Miniaturen.

Solche Elemente waren meistens deutlich größer als der Rest des Textes und hoben bestimmte Stellen im Manuskript hervor, um die Aufmerksamkeit des Lesers anzuziehen. Zugleich dienten sie als Buchschmuck und betonten, je nach Art und Pracht der Ornamente, die Wichtigkeit des Manuskripts.

Die Initiale, der Zierbuchstabe am Anfang eines Absatzes, wurde in ein dafür bestimmtes Feld eingetragen, dessen Form und Größe variieren konnte (es konnte z. B. oval oder quadratförmig sein). Meistens war die Initiale deutlich größer als der Rest des Textes, nicht selten nahm sie sogar den Großteil der Seite ein. Häufig hatte sie auch eine abweichende Farbe.

Die Initiale wurde mit verschiedenen Motiven gefüllt – Menschengestalten, Sittenbildern (bei sog. bewohnten Initialen) oder auch geometrischen Ornamenten, Pflanzen- und Tiermotiven (bei sog. Zierinitialen).

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Doch nicht nur die Initialen allein, auch ganze Wörter, Überschriften oder sogar Absätze wurden manchmal in einer besonderen Zierschrift niedergeschrieben.

Sie waren zumeist größer als der Rest des Textes, häufig wurden sie auch in einer ganz anderen Schriftart verfasst.

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Überschriften wurden oft mit Zusatzelementen ausgeschmückt, die je nach Talent und Phantasie des Künstlers von ganz einfachen Zeichnungen bis hin zu komplizierten, prachtvollen Ornamenten reichten.

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Auch die Seitenränder wurden häufig ausgeschmückt, meistens mit dynamischen, farbenfrohen Kompositionen. Dabei wurden unterschiedliche Motive verwendet, doch hauptsächlich handelte es sich dabei um pflanzliche Ornamente, Geflechte und Girlanden aus Blumen, Blättern, Stielen und Früchten. Ein solcher Schmuck wird als Fleuronné bezeichnet (lat. flos – Blume). Auch Vogel- und Tiergestalten waren manchmal darin verflochten.

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Eine insbesondere im Mittelalter beliebte Ergänzung des Fleuronnés stellten die sogenannten Drolerien dar (fr. drôlerie – lustige, scherzhafte Szene). Es handelte sich dabei um phantasievolle Motive mit (meistens imaginären) lustigen, surrealen oder grotesken Menschen- und Tiergestalten. Manchmal stellten diese komplette Märchenszenen oder sogar Bilder aus dem realen Leben nach.

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In den erhaltenen Manuskripten kommen auch Bordüren vor. Sie sind eine Art Seitenrandschmuck, der sich bilderrahmenartig über sämtliche Ränder des Blattes erstreckt. Eine Bordüre kann wiederkehrende Figuren- oder auch andere Motive enthalten (die z. B. symmetrisch auf den gegenüberliegenden Seitenrändern auftreten).

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Manchmal bildet der Buchschmuck eine Art grafischen Kommentar zum Inhalt des Manuskripts. Ein Beispiel dafür wären Motive aus der Heraldik, Zeichnungen von Waffen und Rüstung (sog. Panoplien) oder „Gelegenheitsmotive“.

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Kriegsmotive (gerüstete Ritter, Panoplien: Kanonen, Kanonenkugeln, Pulverfässer, Fahnen)
auf der Lehnsakte für den Woiwoden von Smolensk, Grzegorz Kazimierz Podbereski.
Darin wird ihm Land zugesprochen, unter der Bedingung, dass der Begünstigte und seine männlichen Nachkommen Wehrdienst leisten

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Zwei einander mit den Hörnern stoßende Böcke im Zunftbuch der Krakauer Fleischer,
Federbild in der Überschrift über den Einträgen für das Jahr 1640.
Eine symbolische Darstellung des Abschieds vom alten Jahr und der Begrüßung des neuen Jahres?

 

Bei Büchern und Heften wurden auch die Titelblätter ausgeschmückt. Außer dem Titel, der meistens in Zierschrift aufgetragen wurde, waren auf den Titelblättern Pflanzen- und Tiermotive, Wappen und Symbole zu sehen. Auch Zeichnungen kamen vor, die entweder den Inhalt des Buches illustrierten oder aber auch gar nichts damit zu tun hatten. All dies hing von der Phantasie des Künstlers ab.

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Eine allegorische Darstellung der Einnahmen (perceptorum)
und Ausgaben (distributorum) der Stadt Krakau auf dem Titelblatt des Buches
der Einnahmen und Ausgaben der Stadt Krakau aus dem Jahre 1668.

 

Insbesondere in Nutzschriften (z. B. Stadtbüchern) fanden sich häufig Zeichnungen und andere Ausschmückungen, in denen der Sinn für Humor des Schreibers und seine Distanz gegenüber seiner Arbeit deutlich wurden.

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Eine Zeichnung aus einem Krakauer Stadtbuch, in dem die Einnahmen
aus der sog. Kopfsteuer aufgeführt sind. Diese Steuer wurde von jedem Stadtbewohner erhoben („pro Kopf“),
unabhängig von dessen Einnahmen oder Vermögen. Der Schreiber zeigte sein Mitgefühl
gegenüber den von der Steuerbehörde bedrängten Steuerzahlern, indem er einen weinenden Kopf
mit der Aufschrift „Kopfsteuer“ auf der Stirn zeichnete.